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!Der Kongress kann aus organisatorischen Gründen nicht stattfinden! 

 

Living ergonomics- neue Wege für eine gesunde Arbeits- und Lebenswelt

In der Industrialisierung waren die Arbeitswelten hauptsächlich durch produzierendes Gewerbe geprägt, in denen hohe körperliche Belastungen zu Überforderung und Erkrankungen des Muskel- und Skelettapparats des Menschen führten. Heute prägen Begriffe wie Wissensgesellschaft und Kommunikationszeitalter die Wertschöpfungsketten. Ein Großteil der Arbeitstätigen arbeitet in Berufen, in denen es fast keine körperlichen Reize mehr gibt. Bei der Büroarbeit etwa reduziert sich die zur Erledigung der Arbeit erforderliche Bewegung auf die Bedienung von Tastatur und Maus. Das führt zu einer permanenten, körperlichen Unterforderung des Einzelnen, die sich in Stoffwechselträgheit, Muskelschwäche und in der Folge Rückenschmerzen und dauerhaften Degenerationen bemerkbar macht. Die ergonomischen Konzepte und Sichtweisen basieren jedoch bis heute auf Konzepten aus der „alten Zeit“, in denen es der Hauptansatz war, physiologische Arbeitsbelastungen zu minimieren, Bewegung als „nicht produktiv“ einzuschränken und Schonung zu maximieren.

Moderne Ergonomie bedeutet jedoch im Korridor zwischen Überlastung und Unterforderung adäquate Reize zu schaffen und den Menschen in ihren Lebens- und Arbeitswelten körperliche Aktivität zu ermöglichen. Angemessen zu fordern und zu fördern ist Schlüssel für Komfort und Wohlbefinden – und auch für die mentale Leistungsfähigkeit. Es ist heute unstrittig, dass Gesundheit und Wohlbefinden untrennbar mit körperlicher Aktivität verbunden sind. Um körperliche Aktivität nachhaltig zu integrieren, ist es notwendig, deren Determinanten und die heutigen Bedingungsgefüge in einem multidisziplinären Ansatz zu diskutieren. Design, Architektur und Raumplanung, Organisations- und Arbeitsprozesse, Ergonomie sowie gesellschaftliche Konventionen haben großen Einfluss auf die individuelle körperliche Aktivität.

Bewegung, Gesundheit, Wohlbefinden

Die Berücksichtigung der Individualität des Menschen und seines Wesens als „dynamisches System“ kam aufgrund der großen Schwierigkeiten, die sich stetig verändernden Parameter zu messen und zu berechnen in bisherigen Ergonomiekonzepten zu kurz. Sie basieren auf Momentaufnahmen und statistischen Durchschnittswerten, die zur Norm erhoben werden und in der Regel Kontexte und deren Wechselwirkungen ausblenden. Im Mittelpunkt eines ergonomischen Denkansatzes muss zukünftig der Mensch stehen – nicht als Objekt, sondern als Subjekt mit seinen natürlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten.

Die biologische Anpassungsfähigkeit des Menschen verträgt keine Ruhigstellung oder Statik, sondern sie braucht Dynamik in Form von stimulierender Belastung, die den Körper beansprucht und aktiviert; erst durch diese Beanspruchung wird eine positive Anpassung bewirkt. Belastung sollte daher nicht vermieden werden. Vielmehr geht es darum, angemessene Reize zu setzen, auf die der Organismus mit Adaptation reagieren kann.
Aktuelle, wissenschaftliche Studien sehen fast alle „Zivilisationskrankheiten“ als Folgen dauerhafter, körperlicher Unterforderung. Außerdem wird deutlich, wie stark die Wechselwirkungen von biomechanischen und psychosozialen Faktoren sind. Schmerzen verursachen Stress und Stress verursacht wiederum Schmerzen.
In der Büroarbeit werden zum Beispiel Bürostühle immer „ergonomischer“ und die Menschen fühlen sich dennoch immer kränker. Untersuchungen zeigen, dass möglichst häufige und vielfältige Bewegungen und Haltungswechsel auch im Sitzen entscheidend sind, um die Stoffwechselrezeptoren zu aktivieren und dadurch Körper und Geist gleichermaßen zu stimulieren.

Ästhetik/ Design

Produktdesign und Ergonomie haben als gemeinsames Ziel, Gegenstände menschengerecht zu gestalten. Die Frage, warum Personen bestimmte Objekte bevorzugen, steht in einem Zusammenhang von Ästhetik, Wohlbefinden und Bewegung. Eine weitere These ist, dass die Funktionalität von Objekten und deren Nutzung untrennbar mit emotionalen und ästhetischen Qualitäten verbunden ist. Gesundheit, Beruf und Arbeitsplatz bzw. das Unternehmen als konkreter und als sozialer Raum müssen als einander bedingende Teilbereiche einer ganzheitlichen Ergonomie/ Arbeitswelt/ Lebenswelt gesehen werden. Integrative Konzepte, in denen Verhalten und Verhältnis miteinander gekoppelt werden, zeigen in aktuellen wissenschaftlichen Studien den Erfolg einer neuen ergonomischen Denkweise. Welche biologischen, sozialen und kulturellen Vorbedingungen aber beeinflussen das ästhetische Erleben und Verhalten? Welche Rolle spielen ästhetische Dimensionen für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit der Menschen? Wie sollte das Verhältnis von Stimulanz und intrinsischer Motivation ausgebildet sein?

Architektur / Gebäudetechnik / Organisationsprozesse

Architektur, Innenarchitektur und Ergonomie haben das gemeinsame Ziel, Gebäude und Räume menschengerecht zu gestalten. Der Anteil der Wissensarbeiter an der Wertschöpfung nimmt immer mehr zu. Und selbst in Produktionsbereichen steigt der Bedarf an Kommunikation und Kooperation. Was sind die Bedingungen und Einflussfaktoren, um menschengerechte Räume zu gestalten? In welchen Kontexten gibt es einen Zusammenhang zwischen Architektur, Ästhetik, Wohlbefinden und Bewegung? Wieviel Normierung ist nötig und wie viel individuelle Freiheit ist möglich, wenn der Mensch zum Subjekt des Wohlbefindens wird? Wie können Architektur und Raumgestaltung Bewegungsanreize bieten? Unspezifische Beschwerden machen heute den mit Abstand größten Anteil an Gesundheitsproblemen aus. Neben den biomechanischen Ursachen – etwa Bewegungsmangel – spielen psychosoziale Faktoren eine bedeutende Rolle. Häufig ist die körperliche Unterforderung mit einer mentalen Überforderung gekoppelt. Betriebsklima, Identifikation, Motivation aber auch Klarheit der Aufgabenstellungen und Verantwortlichkeiten sind für das Wohlbefinden ganz entscheidend. Kann es eine Ergonomie der Aufgabengestaltung geben? Wie sollten Arbeits- und Organisationsprozesse gestaltet sein, um vielfältige Reize zu setzen und positiv zu aktivieren? Wie können in Raum- und Prozessgestaltung physiologische Bewegungen mitgedacht werden?

Gesellschaftliche Konventionen

Soziale Konventionen bilden feste Rahmenrichtlinien. Ohne gesellschaftliche Akzeptanz ist das beste Konzept nicht durchzusetzen. Das Rückgrat ist seit vielen tausend Jahren gleich geblieben und auch die Abhängigkeit vitaler Funktionen von Bewegung. Dagegen ändern sich das Umfeld, die Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Vorstellungen.

Das noch heute vorherrschende Verständnis des „richtigen“ Sitzens beispielsweise entstammt der Zeit, als die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. Kontrolle, Disziplinierung und Habachtstellung fanden ihre Entsprechung in einer Sitzhaltung, die dem soldatischen „Stramm-Stehen“ möglichst nahe kam. Obwohl sich die Forderung nach Bewegung immer mehr durchsetzte, blieb die Vorstellung der richtigen Sitzhaltung bestehen – ohne zu bemerken, dass dies im Widerspruch zur Idee von Dynamik und Haltungswechsel steht. Erst heute gewinnt in der Pädagogik die Erkenntnis Raum, dass Schüler, die sich nicht bewegen, auch geistig abschalten. Es dominiert noch immer die längst widerlegte These, dass Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit nur durch Verzicht auf körperliche Aktivität möglich sind. Ein drittes Beispiel ist die Bewertung von Pausenzeiten. Noch immer gelten diese Zeiten als unproduktiv. Was am Fließband stimmen mag, wenn der Prozess unterbrochen ist, hat bei der Büroarbeit eine völlig andere Bedeutung. Wo liegen die relevanten Barrieren? Wie können sie ins Bewusstsein gerückt werden? Und welche Strategien lassen sich entwickeln, um Veränderungen herbeizuführen?

Das Symposium „Living Ergonomics“ als transdisziplinärer Diskurs unter dem Dach einer neuen, vom Menschen ausgehenden Ergonomie versammelt die führenden Akteure aus den Bereichen Produktgestaltung, Architektur, Arbeitsorganisation, Bewegung, Gesundheit und Sozialwissenschaft. Das Symposium soll den Auftakt bilden für die Entwicklung und Etablierung einer „neuen Ergonomie“, die der biologischen Disposition des Menschen und den dynamischen Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelten Rechnung trägt..
Gefragt sind hier alle, die über den Tellerand des Bestehenden hinausdenken können. Die kritisch hinterfragen und positiv bewegen wollen. – Und die den Menschen nicht als Problem sondern als große Chance begreifen, die Zukunft nachhaltig zu gestalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neuer Referent

Prof. Ing. Ralph Bruder

 

 

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